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SCHATTENAKZEPTANZ?
ÜBER DIE FARBE DES KÖRPERS UND DES SCHATTENS
Veronika Rudorfer

„Schließlich ist ja nicht der Schatten das Wesentliche,
sondern der Körper, der den Schatten erzeugt.“  1
Carl Gustav Jung (1958)

Die hier versammelten Arbeiten von Drago Persic können als künstlerische Suche nach der – dieser Publikation ihren Titel gebenden – Grauen Farbe gelesen werden. Die kleinformatigen Arbeiten auf Leinwand gehen analytisch der Differenz zwischen Farbwahrnehmung und Farbmischung nach. Drago Persic spannt einen Referenzrahmen auf, der in seinen Bezügen vielschichtig, sich überlagernd und zugleich fragmentiert ist. Diese Eigenschaften scheinen auch die Arbeiten selbst auf formale Weise aufzugreifen und auf rätselhafte Weise zu verdichten.
Drago Persic entwirft eine – zwei Grundkonstellationen vorsehende – konzeptionelle Systematik, die exemplarisch an den beiden Arbeiten Zabriskie Point/J. Brueghel Blumenstrauß I und Olympia, 1. Teil/Plissee II vorgestellt wird. Zabriskie Point/J. Brueghel Blumenstrauß I schafft ein Nebeneinander von zwei – vermeintlich in Schwarz-Weiß ins Bild gesetzten – Körpern und einem durch das Siebdruckverfahren weitgehend abstrahierten Detail eines Blumenstilllebens von Jan Brueghel d. Ä. Rätselhaft mutet die Zusammenstellung der beiden Motive an, verstärkt durch die starke Aus­schnitthaftigkeit, durch welche die Körper fragmentiert und die Brueghel’schen Blumen aus ihrem ursprünglichen kompositorischen Kontext isoliert werden. Auffällig kontrastiert Drago Persic die plastische Körperlichkeit, die physische Präsenz zweier Menschen, mit den zur ornamentalen Fläche gewordenen Blumen.
Soweit die Deskription dessen, was zu sehen ist – im Sinne einer visuellen Wahrnehmung. Dass das bloße Sehen im Falle der Arbeiten von Drago Persic nicht ausreichend ist, um in deren komplexe Konzeption vorzudringen, soll nun ein Blick auf die Farbigkeit von Zabriskie Point/J. Brueghel Blumenstrauß I verdeutlichen. Zunächst zur oberen Bildhälfte: Die Mischung von Schwarz und Weiß resultiert üblicherweise in Grau. Die Mischung aus Phthalocyaningrün und Ägyptisch Violett resultiert allerdings ebenso in Grau – und das ist hier der Fall. 2 Aus Grün und Violett entsteht also ein vermeintlich neutral-unbuntes Schwarz, das die Grenzen der visuellen Wahrnehmung offenlegt. Die präzise modellierten Körper werfen bunte Schatten, die nur vorgeben schwarz zu sein.
Die untere Bildhälfte ist grün. Selbstverständlich folgt auch diese Entscheidung einem präzisen Konzept. Welches Grün kommt also hier zum Einsatz? Es handelt sich um ein Pigment, das Drago Persic in seiner 2018 und 2019 erfolgten künstlerischen Recherche zu allen verfügbaren Farbschattierungen ausgelassen hat.3 Aus gutem Grund, wie er im Gespräch erklärt: So seien die sogenannten Grünen Erden aufgrund ihrer Transparenz nahezu „unmalbar“ 4. Die in Zabriskie Point/J. Brueghel Blumenstrauß I eingesetzte Cyprische Grüne Erde gelangt deshalb als Siebdruck auf die Leinwand. Das Pigment der Grünen Erde weist die immer gleiche chemische Zu­sammensetzung auf, die Farbtöne variieren jedoch stark, je nachdem ob – wie hier – eine Cyprische Grüne Erde gedruckt wird, oder aber eine Bayerische, Veroneser oder Böhmische Grüne Erde.
In Olympia, 1. Teil/Plissee II löst Drago Persic schließlich die horizontale Gliederung des Bildraums auf. Die fragmentierten Körper – hier gemischt aus Pyrrol Orange und Indigo synthetisch – werden verdoppelt und überlagert. Die Bayerische Grüne Erde und die Russische Grüne Erde sind auf die gefaltete Leinwand gesprayt, woraus sich ein plisseeartiger Faltenwurf ergibt. Durch diese Entscheidungen spitzen sich in Olympia, 1. Teil/Plissee II die bereits in Zabriskie Point/J. Brueghel Blumenstrauß I angelegten Prinzipien merklich zu: Die sich berührenden oder verschlungenen Körper tauchen nun gestaffelt auf, der grüne Bildgrund vollzieht den endgültigen Schritt in die Abstraktion.
Im Nebeneinander beziehungsweise Übereinander von trü­gerischem Schwarz-Weiß und vermeintlich einheitlichem Grün führt Drago Persic vor Augen, dass der visuellen Farbwahrnehmung nicht zu trauen ist. Als kunsthistorisches Bindeglied zwischen der spezifischen Körperlichkeit und deren Schatten einerseits und der Rolle der Grünen Erde andererseits, kann die sogenannte Manchester Madonna (um 1497) ausgemacht werden, die heute Michelangelo zugeschrieben wird. 5 Ausformuliert sind in diesem Gemälde die Körper von Christus und Johannes, beide präsent in ihrer prallen Körperlichkeit, während die Madonna im Bildzentrum statisch-skulptural anmutet. Flankiert wird die Dreiergruppe von jeweils zwei Engelspaaren; das eine Paar ist bis in die Details der Draperie ausgearbeitet. Von Interesse soll hier jedoch das andere Engelspaar sein, das geradezu geisterhaft in seiner Unfertigkeit wirkt. Vom Bildgrund heben sich in Grün jeweils die Hautpartien der in Beine, Arme und Gesichter fragmentierten Engelskörper ab. Doch warum ist die Haut der Engel grün? Michelangelo nutzte für das Inkarnat die Maltechnik des Verdaccio: Hierfür werden die Hautpartien zunächst mit Grüner Erde untermalt und erst durch das Hinzufügen wärmerer Farben ein naturgetreuer Hautton kreiert.
In Siva Boja entwirft Drago Persic mittels seiner künstlerischen Recherche eine Art invertiertes Verdaccio, indem er die durchmodellierten Körper durch das Mischen von zwei oder drei bunten Farben wie schwarz-weiß wirken lässt und jene Zonen, die einem Bildgrund entsprechen, mittels Grüner Erde an die Grenzen der Gegenständlichkeit in die Fläche überführt. Gemein ist der Manchester Madonna und den kleinformatigen Arbeiten von Drago Persic die Fragmentierung der Körper, Körper, die in beiden Fällen die – nur vermeintlich unbunten – Schatten erzeugen.

1     Carl Gustav Jung: Praxis der Psychotherapie. Eine Sammlung der Aufsätze C. G. Jungs über allgemeine Fragen der psychotherapeutischen Praxis, sowie ein Beitrag zur Psychologie der Übertragung, Gesammelte Werke, Bd. 16, Zürich: Rascher, 1958, S. 69.

2     Siehe zur chemischen Klassifikation der Farben: Drago Persic, Ultramarin. Ultramarine. Outremer, Wien: Verlag für moderne Kunst, 2019, o. P.

3     Ebd.

4     So beschrieb Drago Persic die Problematik der „unmalbaren“ Grünen Erden in einem Gespräch mit der Autorin im Januar 2021.

5     Eine digitale Abbildung des Gemäldes ist online verfügbar unter https://www.nationalgallery.org.uk/paintings/michelangelo-the-manchester-madonna (zuletzt abgerufen am 06.10.2021).


Published 2022
Siva Boja
Verlag für moderne Kunst
ISBN 978-3-903572-39-3